Die Pest in der Frühen Neuzeit

Die Pestsäule am Wiener Graben, errichtet 1694. (Quelle)

Die Pestsäule am Wiener Graben, errichtet 1694. (Quelle)

Das Phänomen der Pest wird erstmals mit zunehmender Verschriftlichung deutlich. Eine erste größere Auseinandersetzung mit der Krankheit begann mit deren Auftreten in der Mitte des 14. Jahrhunderts in Italien. Obwohl Erzählungen bereits ein früheres Auftreten der Pest vermuten lassen, sind eindeutige Belege dafür schwer zu erbringen. Anhand der schriftlichen Quellen, die in der Geschichtswissenschaft üblicherweise zur Verfügung stehen, ist es schwierig eindeutige Diagnosen zu erstellen. Besonders bei den spärlich erhaltenen antiken Texten, kann mit Hilfe des heutigen medizinischen Wissens nicht direkt auf spezielle Krankheitsbilder geschlossen werden. Begriffe wie „Pest“ oder „Pestilenz“ tauchen an vielen Stellen auf und beziehen sich dabei nicht immer auf die Pest selbst. Oft werden sie als Synonym für andere epidemische Krankheiten verwendet. Die hohe Fehleranfälligkeit einer ex post Diagnose ergibt sich aus der Problematik, dass keine direkte Untersuchung möglich ist und nur Beschreibungen der Krankheit zur Verfügung stehen. Mit geisteswissenschaftlichen Methoden kann man sich daher der tatsächlichen Krankheit nur annähern. Dies führt immer wieder zu einschlägigen Fachdiskussionen unter Medizinern und Historikern, zu deren endgültiger Klärung auf die Methoden der Paläopathologie zurückgegriffen werden kann. Erst kürzlich konnte der mikrobiologische Nachweis erbracht werden, dass die im 6. Jahrhundert wütende Justinianische Pest tatsächlich durch das Pestbakterium ausgelöst wurde.10 Ein solcher Nachweis gelang auch für die 1348 in Italien ausgebrochene Seuche.

Die eigentliche Entdeckung des Pesterregers wird Alexandre Yersin (1863-1943) zugeschrieben, der im Jahr 1894 das Auftreten der Pest in Hongkong untersuchte. Bei der Behandlung der Infizierten gelang es ihm, in der in den Pestbeulen enthaltenen Flüssigkeit, eine große Anzahl an Bakterien nachzuweisen. Dieses Bakterium erhielt den Namen Yersinia Pestis. Es war auch unter dem Namen Pasteurella Pestis bekannt, da lange Zeit nach dessen Entdeckung unklar war, ob tatsächlich Alexandre Yersin oder dessen Lehrer, Louis Pasteur, den entscheidenden Nachweis geliefert hatte. Obwohl man nun eine Vorstellung davon hatte, was die Pest auslöste, war dennoch deren Übertragungsweg weiterhin unklar. Dieser konnte zwei Jahre später während einer erneuten Epidemie in Bombay, bei der mehrere internationale Pestkommissionen an der Erforschung der Krankheit arbeiteten, entschlüsselt werden. Schon im 18. Jahrhundert war bemerkt worden, dass einem Ausbruch der Pest ein übermäßiges Rattensterben vorausging.

Forschungen dazu führten zu dem Ergebnis, dass die Ratten wesentlichen Anteil an der Seuchenverbreitung hatten. Befiel der Erreger die Wanderrate (Ratus Norvegicus Birkenhout) so verbreitete sich die Seuche endemisch, wodurch es in der betroffenen Region zu einzelnen sporadischen Ausbrüchen kommen konnte. Sollte der Erreger jedoch auf die gewöhnliche Hausratte (Ratus Ratus) übergehen, war, auf Grund der räumlich beengten Lebensumstände und der unvorteilhaften hygienischen Situation in den Städten des Mittelalters und der Frühen Neuzeit, das Entstehen einer Epidemie oder Pandemie, wie dies vermutlich 1348 geschehen war, vorprogrammiert. Das letzte Glied der Übertragungskette konnte erst 1907 endgültig identifiziert werden, nachdem Paul Louis Simond (1858-1947) bereits 1898 den Rattenfloh (Xenopsylla cheopis) als Zwischenwirt einbezogen hatte. Weitere Untersuchungen ließen erkennen, dass auch der Menschenfloh (Pulex irritans) die Verbreitung des Erregers über größere Distanzen begünstigen kann.

                                                                                              

vgl. Vasold, Manfred, Grippe, Pest und Cholrea. Eine Geschichte der Seuchen in Europa (Stuttgart 2008) 10-43; Leven, Karl-Heinz, Von Ratten und Menschen – Pest, Geschichte und das Problem der retrospektiven Diagnose, in: Meier, Mischa (Hg.), Pest. Die Geschichte eines Menschheitstraumas (Stuttgart 2005) 12-16; Erdmann, Georg Hans, Die Rolle der Nagetiere als Reservoire und Verbreiter der Pest (Univ. Diss., Frankfurt a. M. 1953) 31-37; Werfring, Johann, Der Ursprung der Pestilenz. Zur Ätiologie der Pest im loimographischen Diskurs der frühen Neuzeit (Medizin, Kultur und Gesellschaft 2, Wien 1998) 6-8; Bergdolt, Klaus, Der schwarze Tod in Europa. Die große Pest und das Ende des Mittelalters (München 2011) 17-20.
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