Zeitgenössische Vorstellungen der Pestausbreitung

Göttliche Strafe:

„Dieweil kein Zweiffel / daß die leydige Seuch der Pest/ sowol als andere Plagen und Straffen/ daher kommen/und erfolgen/ daß sich die Menschen von GOtt abwenden / in Sünd und Laster leben / auch weder durch Gottes Wort / und Wahrnung …“ (1) So heißt es zu Beginn des ersten Teiles der 1679 von Kaiser Leopold I. (1658-1705) für die Haupt- und Residenzstadt Wien und deren Vorstädte erlassenen Infektionsordnung. Beispiele wie dieses finden sich in den Quellen häufig.
Ebenso wie das Auftreten von Erdbeben, Überschwemmungen und anderen Naturkatastrophen versuchte man auch Seuchen durch theologische Motive zu erklären, während andere Naturphänomene wie Kometen als Vorboten von derartigen Katastrophen interpretiert wurden. Nach zeitgenössischer Auffassung war es Gott, der die Menschen für ihr Fehlverhalten bestrafen wollte. Um eine derartige Strafe abzuwenden, entwickelte sich eine Vielzahl religiöser Rituale, die dazu beitragen sollten die Menschen durch vermehrte Frömmigkeit vor weiterer Strafe zu bewahren. Die in diesem Zusammenhang erlassenen Verordnungen waren sowohl geistlicher als auch weltlicher Natur. Diese konnten beispielsweise das Schließen der Wein- und Bierstuben reglementieren, (2) wodurch sich auch ein disziplinierender Charakter deutlich erkennen lässt, der auch andere Bereiche des Zusammenlebens betreffen konnte. (3)

Der heilige Sebastian (P.P. Rubens) Quelle

Der heilige Sebastian (P.P. Rubens) Quelle

Theorie der Miasmen:

Bereits im Corpus Hippocraticum finden sich Ansätze dieses Erklärungsmodells, wobei versucht wird eine natürliche Ursache für das Auftreten von Seuchen zu finden und dabei mystische oder theologische Argumente auszuklammern.
Nach den hippokratischen Konzepten geht die größte Gefahr für den Körper von miásmata aus. Dabei handelt es sich, nach dessen Auffassung, um Schadstoffe, die sich in der Luft befinden und durch Inhalation vom Organismus aufgenommen werden. Galen (129-210 n. Chr.) griff diese Theorie auf und entwickelte sie weiter, wodurch sie vor allem während des Mittelalters und der Frühen Neuzeit als Teil der Konzepte von Gesundheit und Krankheit den Studierenden an den medizinischen Fakultäten bis ins 18. Jahrhundert vermittelt wurde. Die Medizinische Fakultät von Paris, die den Auftrag zur Erstellung eines Gutachtens über das Auftreten der Pest in Italien 1348 erhielt, argumentierte ausschließlich mit dieser Theorie. Dem hippokratisch-galenischen Konzept von Gesundheit und Krankheit entsprechend, entstehen Miasmen hauptsächlich durch Gärungsprozesse. Da Luft als eines der vier grundlegenden Elemente verstanden wurde, wurde ihr die Eigenschaft zugeschrieben, in jeden Körper eindringen und aus diesem auch jederzeit wieder austreten zu können. Gleichzeitig wurde sie damit auch zum Trägermedium für Fremdstoffe. Daraus entwickelte sich eine empfindliche Balance zwischen dem Organismus und seiner Umwelt, die auch vom Wetter beeinflusst wurde. Sowohl Hitze, als Trägermedium gesehen, als auch übermäßige Feuchtigkeit hatten eine negative Auswirkung auf diese Balance. Kälte hingegen wirkte sich gegenteilig aus. Diesen Effekt nutzte man, um eine Verdünnung schädlicher Miasmen zu erreichen, etwa durch brennende Feuer in Kirchen oder an öffentlichen Plätzen. Es wurde angenommen, dass sich in Pestzeiten immer wieder aufs Neue gefährliche Miasmen bildeten, die sich durch die vielen Leichen und den beginnenden Zerfall der Körper rasch vermehrten. So wurden schon sehr früh Verordnungen erlassen und immer wieder bestätigt, die das Liegenlassen von Verstorbenen auf den Straßen untersagen sollten.(4) Doch nicht nur das Verwesen von Leichen konnte diese giftigen Stoffe erzeugen, sondern auch Tierkadaver oder überreifes, fauliges Obst.(5) Bereits das Inhalieren der ausgeatmete Luft eines Infizierten konnte zu einer Ansteckung führen, weshalb dazu geraten wurde, Sterbenden ein Stück warmes Brot in den Mund zu legen und ein Gefäß mit warmem Wasser neben das Bett zu stellen, um die giftigen Dämpfe damit aufzufangen.(6) Der Kranke sollte besonders darauf achten sich durch Ernährung und die Einnahme ausgewählter Medizin, etwa Theriak, innerlich zu reinigen. Das oft in der Literatur erwähnte fluchtartige Verlassen der Städte und Dörfer kann ebenfalls durch dieses Modell erklärt werden. Der Ortswechsel, so dachte man, bringt eine Veränderung der den Organismus umgebenden Luft mit sich, wodurch die Menge der aufgenommenen Miasmen reduziert wurde. Auch die unbewegten Luftmassen selbst konnten dem entsprechend, faulig werden, ebenso wie stillstehendes Wasser. Das bei Paul de Sorbait überlieferte Sprichwort „Austria ventosa, vel venenosa“(7) bringt diesen Aspekt auf den Punkt. An besonders „stickigen“ Tagen versuchte man durch gezielte Maßnahmen die Luft in Bewegung zu versetzen, etwa durch das Läuten aller Glocken oder das Abfeuern von Festungskanonen. Hierzu ist noch zu bemerken, dass abgesehen von der bisher vorgestellten Entstehungstheorie noch eine weitere berücksichtigt werden muss. Auch die Erde produziert, entsprechend dieser Meinung, Ausdünstungen, die in Gestalt stinkender Gase aus Löchern, Spalten, Brunnen oder auch bei der Feldarbeit spontan freigesetzt werden. In diesem Kontext wurden Erdbeben als besonders gefährlich gesehen, zumal bereits bekannt war, dass der Seuche von 1348 ein Erdbeben in Friaul vorausgegangen war, welches mit der Krankheit in Verbindung gebracht worden war. Auf diese mit Miasmen angereicherten Dämpfe hatten astronomische Phänomene oder das Wetter großen Einfluss, da Regen die Schadstoffe wieder zu Boden werfen konnte.

Für den Einzelnen war die von den Miasmen ausgehende Gefahr nur durch den Geruch wahrnehmbar, der, wie Cobin schreibt, nicht erziehbar ist und direkten Einfluss auf die menschliche Gefühlswelt ausübt. So blieb als vermeintlich einziger Schutzmechanismus nur der Geruchsinn. Den hippokratischen Konzepten entsprechend wurden daher auch Kuren mit wohlriechenden Düften vorgenommen.(8)

Klaus Bergdolt bringt in seinem Buch Der schwarze Tod in Europa zum Ausdruck, welche objektiv richtigen Maßnahmen der Pestbekämpfung durch dieses Erklärungsmodell möglich wurden, obwohl die Obrigkeiten und die Medizin kein Wissen über die Kausalzusammenhänge besaßen.
Ein wesentlicher Aspekt der Seuchenprävention wird von diesem Modell jedoch nicht erklärt: Die unmittelbare Übertragung von Mensch zu Mensch.

Ausbreitung von Krankheiten durch schlechte Luft (National Institutes of Health) Quelle

Ausbreitung von Krankheiten durch schlechte Luft (National Institutes of Health) Quelle

Theorie der Contagion:

An diesem Punkt schließt die dritte Theorie an. Das Modell der Contagion versucht zu erklären, wie eine gegenseitige Ansteckung unter Menschen vor sich geht. Diese Aspekte der Übertragung stehen jedoch nicht im Gegensatz zur Theorie der Miasmen, sondern ergänzen diese. Obwohl über Jahrhunderte hinweg beide Theorien parallel existierten, geht Karl-Heinz Leven davon aus, dass die Miasmen-Lehre anfangs vorwiegend von Ärzten vertreten wurde, während die Idee der Contagion eine Annahme von Laien war. Langsam entwickelte sich jedoch eine unterscheidbare Wahrnehmung von Ursache und Wirkung.(9) Obwohl Athanasius Kircher (1602-1680) bereits 1646 mit einem Mikroskop das Blut von Pestkranken untersucht und dabei kleine „Würmer“ gefunden haben soll, blieb die Vorstellung der Übertragung vage. In vielen Orten kam es zur falschen Beschuldigung von sozialen Randgruppen, welche angeblich die Seuche in Form von Salben, Pasten oder Flüssigkeiten in der Stadt verteilt oder Brunnen vergiftet hätten. Gewaltsame Unruhen, Massenmorde und Vertreibungen waren die Folge.(10)

„Nach dem auch im alten Bett : und Lein-Gewandt/Decken/Tucheten/Klaydungen/und anderm alten Gerimpel/ die Infection gerne hafftet …“(11) wurden von der weltlichen Obrigkeit Maßnahmen angeordnet, welche den Umgang mit „giftfangenden Dingen“, zu denen neben fast allen Textilien auch Schafe, Hühner und ähnliche Tiere zählten, einschränkten. In einzelnen Fällen werden auch andere Gegenstände, beispielsweise Münzen, mit der Seuchenausbreitung in Zusammenhang gebracht.

Weitere mit Nachdruck angeordnete Schritte betrafen die Separation der Infizierten von den Gesunden, sowie die Einrichtung und Aufrechterhaltung der Kontumaz, was im heutigen Sprachgebrauch als „Quarantäne“ bezeichnet werden kann.

                                                                                             

(1) Wiener Stadt- und Landesarchiv(WStLA), Bestand 3.6, Serie 3.6.A1, Akt 3.6.A1.17.Jh, Patent 688, Leopold I. 09.01.1679.

(2) ebd.

(3) vgl. Leven, Ratten und Menschen, 2005, 16-17; Werfring, Ursprung Pestilenz, 1998, 30-34.

(4) WStLA 3.6.A1.17.Jh..Patent 334/1, Bürgermeister und Stadtrat 29.08.1634.

(5) ebd. Patent 688, Leopold I. 09.01.1679.

(6) ebd. Patent 490, Ferdinand III. 15.12.1653.

(7) Sorbait, Paul de, Consilium Medicum, Dialogus, Oder Freundliches Gespräch, über den betrübten und armseligen Zustand der Kayserl. Residentz- und Haupt-Statt Wienn in Oesterreich, bey diser gefährlichen, und vorhero nie erhörten Contagion (Wien 1679) 23, online unter: http://www.bsb-muenchen-digital.de/~web/web1047/bsb10474785/images/index.html?digID=bsb10474785&pimage=1&v=pdf&nav=0&l=de (21. Oktober 2013, 19:00 Uhr); Übersetzung: „Österreich ist windig oder giftig“.

(8) Corbin, Alain, Pesthauch und Blütenduft. Eine Geschichte des Geruchs (Berlin 1984) 17-52; vgl. Leven, Ratten und Menschen, 2005, 18-23; Werfring, Ursprung Pestilenz, 1998, 100-115, Bergdolt, Der schwarze Tod, 2011, 21-26.

(9) vgl. Leven, Ratten und Mensch, 2005, 18-23; Werfring, Ursprung Pestilenz, 1998, 117-138.

(10) Baum, Hans-Peter, Würzburg: Die Vernichtung der jüdischen Gemeinde in Würzburg 1349, in: Rödel, Dieter, Schneider, Joachim (Hg.), Strukturen der Gesellschaft im Mittelalter. Interdisziplinäre Mediävistik in Würzburg (Wiesbaden 1996) 370-384.

(11) Diözesanarchiv Wien (DAW), Konsistorialakten, Faszikel Seuchen, Akt Pest, Patent, Ferdinand II. 14.06.1630.

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